In der Dämmerung sitzt ein Straßenhund auf einem verlassenen Parkplatz

Harte Lebensbedingungen und Tötungsstationen Das Leid der Straßenhunde in Rumänien

In Rumänien leben Hunderttausende1 heimatlose Hunde auf den Straßen. Die Tiere pflanzen sich unkontrolliert fort. Unzählige Privatpersonen tragen ihren Teil dazu bei, indem sie ihre unkastrierten Hunde frei herumlaufen lassen. Wir haben 2024 gemeinsam mit der Tierhilfe Hoffnung ein wegweisendes Modellprojekt auf den Weg gebracht, um diesen Teufelskreis der unkontrollierten Vermehrung zu durchbrechen.

Das Leid der Straßenhunde in Rumänien ist groß: Sie sind dem Leben auf der Straße schutzlos ausgesetzt und benötigen dringend unsere Hilfe. Denn viele von ihnen sind verletzt, krank und unterernährt. Auch in anderen süd- und osteuropäischen Ländern ist diese Situation bittere Realität.  Statt die Tiere zu kastrieren und zu versorgen, werden sie oftmals getötet. So nimmt das Tierleid kein Ende. 

Warum gibt es so viele Straßenhunde in Rumänien?

Eigentlich müssen Hundehalter*innen in Rumänien ihre Tiere kastrieren, kennzeichnen, registrieren sowie gegen Tollwut impfen lassen. Doch die Realität sieht anders aus: Trotz der Pflicht sind die meisten Hunde von Besitzer*innen nach wie vor nicht kastriert und können sich somit weiter vermehren. Die Welpen möchte keiner haben. Sie werden ausgesetzt oder zurückgelassen.

Tragischerweise hat die rumänische Regierung 2013 ein Gesetz eingeführt, nach dem Straßenhunde eingefangen und nach einer Frist von zwei Wochen getötet werden dürfen. Die eingefangenen Hunde erleiden bis zu ihrem Tod eine grausame und letztlich sinnlose Tortur. Denn: Rumäniens Ziel von weniger Straßenhunden lässt sich so landesweit nicht erreichen. Wenn die ehemals besetzten Platz- und Futterangebote frei werden, werden diese von anderen Hunden in Anspruch genommen - sei es durch die Vermehrung der verbliebenen Hunde oder Besitzertieren, oder solchen, die aus der Umgebung zuwandern.

Wegweisendes Modellprojekt: Kastrieren und Aufklären

Obwohl Hundebesitzer*innen hohe Geldstrafen drohen, wenn sie ihre Tiere nicht kastrieren lassen, halten sich viele nicht daran – etwa, weil sie sich die Behandlung nicht leisten können. Vielmehr wurden etliche Tiere seitdem ausgesetzt.

Genau dieses Problem gehen wir mit dem Modellprojekt an, das wir 2024 gemeinsam mit unserem Mitgliedsverein Tierhilfe Hoffnung auf den Weg gebracht haben: In den kommenden fünf Jahren wollen wir in Kooperation mit der nationalen und der regionalen Veterinärbehörde dafür sorgen, dass Hundebesitzer im Landkreis Argeș ihren gesetzlichen Halterpflichten nachkommen. Ansässige Tierärzte werden überprüfen und dafür Sorge tragen, dass gehaltene Hunde gekennzeichnet und registriert sowie gegen Tollwut geimpft sind. Die ebenfalls vorgeschriebene Kastration wird für bislang unkastrierte Hunde von der Tierhilfe Hoffnung übernommen. Um bis zu 40.000 Kastrationen pro Jahr stemmen zu können, setzt die Tierhilfe Hoffnung - neben ihren Kastrationsmobilen – auf ein neues, für das Projekt errichtetes Kastrations- und Registrationszentrum. Es ist das erste Zentrum dieser Art in Rumänien und ein wichtiger Schritt in Richtung der Umsetzung unseres Gesamtkonzeptes: Tötungsstationen sollen demnach in Kastrationszentren umgebaut werden sowie Straßenhunde und auch -katzen kastriert, geimpft und anschließend wieder in ihrem Herkunftsgebiet freigelassen werden.2 Nur so lässt sich die Straßentierproblematik langfristig, nachhaltig und tierschutzgerecht lösen.

185000
Hunde

185.000 Hunde leben im Landkreis Argeș

85000
Straßenhunde

85.000 davon sind herrenlose Straßenhunde

34650
Kastrationen

Hunde hat die Tierhilfe Hoffnung bereits im Jahr 2024 kastriert

Die Kastration ist der Schlüssel im Kampf gegen Leid und Tod der Straßenhunde. Ziel muss sein, die mehr 140 Tötungsstationen in Rumänien zu Kastrations- und Registrationszentren umzurüsten. Nur so lässt sich die Hundepopulation tierschutzgerecht und nachhaltig in den Griff bekommen.
Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder sitzt vor dem Logo des Deutschen Tierschutzbundes
Thomas Schröder Präsident des Deutschen Tierschutzbundes

Wir sprechen darüber hinaus mit Verantwortlichen und Tierschutzvereinen vor Ort, um das Leben der Straßenhunde in Rumänien zu verbessern. Regelmäßig vernetzen wir uns mit Politiker*innen, ansässige Tierärztinnen und –ärzten, die unter anderem die Einhaltung der Kastrationspflicht kontrollieren, sowie den Bürgermeister*innen des Landkreises Argeș und werben für ein tierschutzgerechtes Hunde-Populationsmanagement. Ein weiterer Bestandteil des Projektes ist Tierschutzunterricht, in dem Grundschüler*innen lernen, warum die Kastration so wichtig ist, wie man mit Hunden gut und sicher umgeht und sich um das eigene Tiere richtig kümmert. Damit die nationalen Veterinärbehörden das Modellprojekt möglichst landesweit ausweiten, werden wir es wissenschaftlich evaluieren. Dazu schulen wir u.a. Mitarbeitende der Smeura, damit diese die Zahl der Straßenhunde im Landkreis Argeș und ihr Gesundheitszustand dokumentieren. Außerdem wird untersucht, inwiefern sich die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Straßentieren verändert.

Lesen Sie dazu auch den aktuellsten Artikel aus unserem Magazin DU UND DAS TIER:

Rumänische Straßenhunde in Käfig
Hilfe zur Selbsthilfe

Mit einem wegweisenden Modellprojekt zeigen der Deutsche Tierschutzbund und sein Mitgliedsverein Tierhilfe Hoffnung, wie in Rumänien die Zahl der Straßenhunde nachhaltig und tiergerecht gesenkt werden kann.

Artikel online lesen

Unser Partner vor Ort Tierheim Smeura nimmt Straßentiere auf

Unser Mitgliedsverein Tierhilfe Hoffnung nimmt Straßenhunde und -katzen in der Region Argeș im Tierheim Smeura auf. Das Tierheim ist mit etwa 6.000 Hunden und bis zu 450 Katzen das größte der Welt. Das Team versorgt die Tiere medizinisch, kastriert und kennzeichnet sie. Solange es in Rumänien verboten ist, die Tiere nach der Kastration wieder freizulassen und sie auf der Straße getötet werden, transportiert die Tierhilfe Hoffnung regelmäßig Hunde aus der Smeura in deutsche Tierheime, um sie hier in Familien zu vermitteln. Für Straßenhunde, die aus unterschiedlichen Gründen nicht vermittelbar sind, haben sie mit unserer Unterstützung ein Waldrefugium geschaffen. Direkt neben der Smeura bietet es diesen Tieren eine großzügige Bleibe in einer Gruppe mit anderen Hunden.

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Straßenhund schleppt eine Mülltüte im Maul
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Fokus auf Tierschutz vor Ort statt auf Adoptionen

Für uns liegt der Schwerpunkt der Tierschutzarbeit im Ausland in der Hilfe vor Ort. Hunde sollten nur im Einzelfall nach Deutschland importiert werden und auch nur aus Ländern, in denen sich das Prinzip „Fangen, Kastrieren, Freilassen“ rechtlich nicht umsetzen lässt, um die Situation dort zumindest zeitweise zu entspannen. Neben Rumänien gilt dies beispielsweise auch für Ungarn und die Slowakei.

Sollten Sie dennoch in Erwägung ziehen, einem Tier aus einem anderen Land ein Zuhause zu geben, ist es wichtig, auf eine seriöse Vermittlung von gemeinnützigen Tierschutzvereinen zu achten, deren Fokus auf Hilfe vor Ort liegt.3 Tiere dürfen nicht mittels Flugpatenschaften einreisen und sollten nicht auf Parkplätzen übergeben werden. Im besten Fall werden die Tiere vor und nach Ausreise auf sogenannte Reisekrankheiten getestet und erst nach einer Quarantäne und Beratung über deutsche Tierheime vermittelt.

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3 In unserem Positionspapier zum Thema Auslandstierschutz geben wir Tipps, was Personen, die sich für ein Haustier aus dem Ausland interessieren, unbedingt achten sollten.

Experte
Portrait von Luca Secker
Luca Secker

Luca Secker ist Wissenschaftlerin für Mensch-Tier-Interaktionen (M.Sc.) und Fachreferentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Sie ist Projektkoordinatorin für unsere Arbeit in der Ukraine und beschäftigt sich u.a. mit dem Populationsmanagement von sogenannten Straßenhunden und -katzen. 

Alle Artikel von Luca Secker
Autor
Portraitfoto von Sandy Syperekc
Sandy Syperek

Sandy Syperek ist Redakteurin beim Deutschen Tierschutzbund. Sie hat Germanistik und Soziologie studiert. Mit ihren Texten klärt sie über die Bedürfnisse und das Leid von Tieren auf und gibt ihnen so eine Stimme. Sie möchte das Bewusstsein der Menschen dafür stärken, dass sich alle Tiere gleichermaßen nach einem friedvollen Leben sehnen.

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