Dr. Romy Zeller ist Tierärztin und Fachreferentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. In unserer Akademie für Tierschutz arbeitet sie seit Jahren v.a. am Thema Illegaler Heimtierhandel und Onlinehandel mit Tieren.

Kanarienvögel halten - Das sollten Sie wissen So ermöglichen Sie Kanarienvögeln ein schönes Leben
Kanarienvögel wirken pflegeleicht. Doch ihre Haltung ist anspruchsvoll. Wer ihnen ein gutes Leben bieten will, muss ihre Bedürfnisse kennen und wissen, wie man sie artgerecht hält.
Kanarienvögel sind lebhaft und neugierig. Sie fliegen gerne und brauchen Artgenossen um sich. Trotzdem leben viele Vögel allein in zu kleinen Käfigen. Sie haben keinen Freiflug und bekommen falsches Futter. Damit Kanarienvögel gesund bleiben und sich wohlfühlen, brauchen sie ausreichend Platz zum Fliegen. Sie benötigen Beschäftigung und eine artgerechte Ernährung. Bei guter Pflege werden Kanarienvögel zehn bis zwölf Jahre alt. Manchmal sogar 15 Jahre. Informieren Sie sich vor der Anschaffung gut. Schaffen Sie eine Umgebung, die zu den Bedürfnissen der anspruchsvollen Tiere passt. Wir zeigen Ihnen, wie das geht. So fühlen sich die kleinen Energiebündel bei Ihnen wohl.
Kanarienvögel dürfen nicht allein sein
Unsere heutigen Kanarienvögel stammen vom Kanarengirlitz ab. Dieser lebt auf den Kanarischen Inseln und den Azoren. Die Vögel sind tagsüber aktiv und leben einen großen Teil des Jahres in Gruppen. Menschen sollten Kanarienvögel deshalb nie allein halten. Nur mit Artgenossen können sie ihr natürliches Verhalten ausleben, sich gegenseitig putzen und füttern, zusammen singen und spielen.
Am besten halten Sie zwei Vögel zusammen. Oder eine Gruppe von mindestens vier Vögeln. Einzelne Vögel sind einsam.
Diese Gruppen passen gut zusammen
Achten Sie bei der Auswahl darauf, ob sich im Tierheim oder vorherigen Zuhause bereits Paare gebildet haben. Trennen Sie diese nicht. Wichtig ist, dass sich die Tiere gut verstehen. Achtung: In Gruppen mit Männchen und Weibchen kann es in der Brutzeit zu Kämpfen zwischen den Hähnen kommen. Sorgen Sie dann für Rückzugsorte. Neue Tiere sollten sich langsam kennenlernen. Setzen Sie sie zuerst in getrennte Käfige nebeneinander. Wenn sie ruhig bleiben und durchs Gitter schnäbeln, können Sie sie unter Aufsicht zusammenbringen. Am besten funktioniert das an einem neutralen Ort – etwa einem gemeinsamen Kletterbaum. Kanarienvögel dürfen nicht mit anderen Vogelarten zusammenleben. Das führt oft zu Stress oder sogar zu Verletzungen, weil sie ihr Revier oder ihr Futter verteidigen.

Kanarienvögel brauchen viel Platz
Kanarienvögel sind sehr aktiv. Sie bewegen sich gern und fliegen viel. Ein kleiner Käfig ist nicht gut für sie. Besser ist eine große Voliere mit Tageslicht und ruhigen Rückzugsorten. Sie sollte für zwei bis sechs Vögel mindestens zwei Meter lang, einen Meter breit und zwei Meter hoch sein. Sie möchten mehr als sechs Vögel halten? Dann erweitern Sie für jedes weitere Vogelpaar die Grundfläche der Voliere um die Hälfte, zuerst in der Länge, dann in der Breite. Richten Sie außerdem mehr Rückzugsmöglichkeiten, Sitzgelegenheiten, Futter- und Wasserplätze ein. So vermeiden Sie Kämpfe um Ressourcen. Zusätzlich sollten Sie Ihre Vögel jeden Tag frei in einem gesicherten Zimmer fliegen lassen. Sie können keinen Freiflug bieten? Dann muss Ihre Voliere größer sein – mindestens vier Quadratmeter Grundfläche und zwei Meter Höhe.
Diese Volieren sind für Kanarienvögel geeignet
Gut bei Haltung im Haus. Wählen Sie einen hellen, ruhigen Ort ohne Zugluft. Nicht in der Küche oder neben Heizkörpern aufstellen. Die Voliere sollte leicht erhöht stehen und nur von einer Seite einsehbar sein. 18 bis 20 Grad Raumtemperatur sind ideal.
Besser als eine normale Innenvoliere. Hier können die Vögel einen ganzen Raum nutzen. Noch besser ist ein gesicherter Außenbereich, in dem sie Sonne und frische Luft genießen können.
Die Vögel können sich in einem natürlichen Umfeld bewegen. Frische Luft und Sonnenlicht tut ihnen gut. Die Voliere sollte mindestens zwei Meter lang, einen Meter breit und zwei Meter hoch sein. Sie können Ihre Vögel auch das ganze Jahr draußen halten. Dann benötigen sie einen frostfreien Schutzraum. Dieser sollte mindestens einen Meter lang, einen halben Meter breit und einen Meter hoch sein.

Was gehört in die Voliere?
Die Voliere sollte strukturiert und übersichtlich sein. Die Vögel brauchen Platz. Sie wollen fliegen, klettern und sich verstecken. Waagrechte Gitter sind gut. Daran können die Vögel klettern. Dunkle, matte Farben wie Schwarz oder Dunkelgrün sind besser als helle. Helle Farben blenden die Tiere. Runde Käfige sind ungeeignet. Darin finden sich die Vögel schlecht zurecht. Hier finden Sie weitere Tipps und eine Anleitung zum Bau einer Voliere.
- Naturäste mit verschiedenen Dicken als Sitzstangen – zum Beispiel Ahorn, Holunder, Pappel oder Obstbaum
- mehrere Futter- und Wasserstellen – am besten eine pro Vogel
- ein Badehaus mit frischem Wasser – die Vögel baden gerne
- Papier als Bodenbelag – hygienisch und staubfrei
- Tageslicht – bei reiner Innenhaltung UV-Lampen mit UVA- und UVB-Anteilen ergänzen
- Spiegel und Vogel-Attrappen – können zu Verhaltensstörungen führen
- Plastikspielzeug – kann giftig sein oder splittern
- Sitzstangen mit Sandpapier – verletzen die Füße
- Stangen mit gleichem Durchmesser – führen oft zu Fußproblemen
- zu viel Deko – erschwert das Fliegen
Sicherer Freiflug in der Wohnung
Kanarienvögel brauchen jeden Tag Freiflug. Am besten mehrere Stunden. Dann bleiben sie fit und ausgeglichen. Lassen Sie sie dabei nie allein. Vor dem Freiflug müssen Sie alle Gefahren im Raum entfernen:
- Fenster schließen oder mit Fliegengitter sichern
- Giftige Pflanzen wie Efeu oder Hyazinthen entfernen
- Offenes Wasser abdecken – zum Beispiel Aquarien oder Gießkannen
- Spiegel und Fenster sichtbar machen – kleben Sie Aufkleber darauf
- Kerzen, Zigaretten oder Alkoholreste wegräumen – rauchen Sie nicht in der Wohnung
- Scharfe oder spitze Dinge entfernen – auch stachelige Pflanzen
- Spalten hinter Möbeln und Heizkörpern absichern
- Hochflorige Teppiche und Netzgardinen wegräumen
Richten Sie außerdem sichere Landeplätze ein. Zum Beispiel einen Kletterbaum aus Naturästen.
Ruhiger und respektvoller Umgang
Kanarienvögel sind keine Kuscheltiere. Sie brauchen Ruhe, klare Abläufe und Abstand. Ein liebevoller Umgang heißt: Lassen Sie den Vögeln ihre Zurückhaltung. Haben Sie Geduld. Vertrauen wächst langsam. Das ist normal. Bieten Sie Futter aus der Hand an und warten Sie ab. Greifen Sie nie nach einem Vogel. Das macht ihnen Angst. Nur im Notfall dürfen Sie einen Vogel festhalten – zum Beispiel für eine Untersuchung. Wenn Sie einen Vogel einfangen müssen, dunkeln Sie den Raum leicht ab. Nehmen Sie ihn dann vorsichtig mit einem weichen Tuch auf. Bedecken Sie seine Augen, aber lassen Sie die Nasenlöcher frei und üben Sie keinen Druck auf das Brustbein aus.
Gesund und ausgewogen füttern
Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig für die Gesundheit Ihrer Tiere. Viele Kanarienvögel sind zu dick oder haben Mangelerscheinungen. Das kommt vom falschen Futter. Geben Sie Ihren Vögeln jeden Tag frisches und artgerechtes Futter.
Das gehört auf den Speiseplan:
- ein bis zwei Teelöffel hochwertiges Körnerfutter pro Vogel
- jeden Tag frisches Wasser
- Wildkräuter und Gemüse – zum Beispiel Basilikum oder Gurke
- nur sehr wenig Obst – am besten Beeren mit wenig Fruchtzucker
- Vogelgrit für die Verdauung
- eine Sepiaschale oder ein Kalkstein als Kalziumquelle
Räumen Sie altes Futter jeden Tag weg. Bieten Sie nur ungespritztes und frisches Futter an. Schimmelige oder verdorbene Reste sind lebensgefährlich. Tipp: Bieten Sie Futter immer als Beschäftigung an, zum Beispiel im Gitterball oder zwischen Zweigen.

Daran erkennen Sie kranke Kanarienvögel
Kanarienvögel zeigen oft erst spät, dass sie krank sind. Beobachten Sie Ihre Tiere deshalb genau. Achten Sie auf Körperhaltung, Verhalten, Gefieder, Aussehen der Körperöffnungen, Futter- und Wasseraufnahme, Kot- und Urinabsatz. Ein gesunder Vogel ist aktiv. Sein Gefieder ist glatt. Die Augen sind klar. Wirkt ein Vogel müde, ungewöhnlich ruhig, plustert sich auf, atmet schwer oder hat Durchfall? Dann kann er krank sein. Prüfen Sie auch regelmäßig die Krallen und Schnäbel Ihrer Tiere. Bei Auffälligkeiten gehen Sie zu einer vogelkundigen Tierarztpraxis.
Darauf sollten Sie bei der Anschaffung achten
Einige gezüchtete Kanarienvögel sehen besonders aus – leiden aber unter ihren Merkmalen. Manche können kaum sehen oder sich schlecht bewegen. Dazu gehören zum Beispiel Positur-Kanarien mit stark gebogenem Rücken oder Frisé-Kanarien mit gekräuseltem Gefieder. Auch lange Federn im Gesicht oder an den Beinen machen den Tieren das Leben schwer. Bitte kaufen Sie keine Vögel mit solchen Merkmalen – und unterstützen Sie solche Zuchten nicht.
Kanarienvögel vermehren sich leicht. Aber viele Jungtiere landen im Tierheim, weil sie nicht vermittelt werden können. Darum raten wir von der Zucht im Privathaushalt ab. Bieten Sie keine Nistplätze und kein Nistmaterial an. Das regt die Vögel zum Brüten an. Legen die Vögel trotzdem Eier, tauschen Sie diese schnell gegen Kunsteier aus dem Zoofachhandel. Die echten Eier sollten nicht älter als 24 Stunden sein, wenn sie ausgetauscht werden. Kommt es doch zu Nachwuchs, kümmern Sie sich früh um ein neues Zuhause für die Jungvögel.
Überlegen Sie, Kanarienvögel aufzunehmen? Dann fragen Sie zuerst im Tierheim nach. Dort warten oft Vögel auf ein neues Zuhause. Von Käufen über das Internet raten wir ab. Dabei ist oft unklar, woher die Tiere kommen, ob sie gesund sind oder wie sie bisher gehalten wurden. Auch seriöse Züchter*innen oder Zoofachgeschäfte können gute Anlaufstellen sein. Wichtig ist: Achten Sie auf gute Haltung und eine fachkundige Beratung.
- Halten Sie mindestens zwei Vögel und geben Sie ihnen täglich Freiflug
- Bieten Sie Platz, Rückzugsorte und Beschäftigung
- Kaufen Sie keine Vögel mit auffälligen Zuchtmerkmalen
- Schauen Sie zuerst im Tierheim nach passenden Vögeln
Das fordert der Deutsche Tierschutzbund
- Qualzuchten wie Positur-Kanarien verbieten
- Mindestangaben für die Haltung von Ziervögeln festlegen
- Verkauf von Tieren über Onlinebörsen stoppen
- Verpflichtenden theoretischen Sachkundenachweis vor Anschaffung eines Tieres einführen






