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Sind Tierversuche zu rechtfertigen?
Interview mit Jane Goodall |
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Im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Titel
„Tierversuche Notwendigkeit oder Barbarei“, die am 1. März 2006 in Wien stattfand, führte Petra Mayr vom zet -Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen ein Interview mit Jane Goodall zum Thema Tierversuche. |
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zet:Wie würden Sie Ihre Position gegenüber Tierversuchen beschreiben, in Anbetracht Ihres sehr besonderen Verhältnisses zu Tieren?
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Goodall:Wenn ich einen Zauberstab besäße, würde ich sagen: „Nie mehr Tierversuche!“ Ich glaube nicht, dass wir berechtigt sind, Tiere zu quälen, damit sie uns helfen. Aber auf Grund der langen Geschichte der Tierexperimente würde eine Abschaffung von heute auf morgen unnötiges Leiden für sehr viele Menschen verursachen.
Deshalb sollten wir wesentlich intensiver daran arbeiten, alternative Methoden zugänglich zu machen, um nicht dieses Martyrium fortzusetzen. Wir sollten viel eindringlicher die Frage stellen, ob ein Experiment wirklich notwendig ist.
Ich habe mit einem Teilnehmer der Podiumsrunde darüber diskutiert, dass tatsächlich auch mit Menschen in vielen medizinischen Versuchen sehr unethisch umgegangen wird. Denn wir erhalten Menschen immer länger am Leben, immer noch länger und noch länger, oft in Situationen, die absolut keine Menschenwürde mehr zulassen. Wo viele Menschen bereits darum betteln, sterben zu dürfen. Das ist Experimentieren: Wie lange können wir einen Menschen am Leben erhalten? Das ist ein riesiges ethisches Problem!
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zet:Es scheint vernünftig und entspricht üblicher Praxis, zwischen höher entwickelten Tieren, wie Säugern, und niedriger entwickelten eine Trennlinie zu ziehen, die dann ausschlaggebend für die Verwendung eines Tieres bei Experimenten ist. Falls Sie diese Meinung teilen, wie würden Sie argumentieren?
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Goodall:Es ist so, dass, sobald ein Gehirn komplexer wird, das Tier mehr versteht und mitbekommt, was rund herum geschieht. Wenn man eine Stufe erreicht, wo sowohl mentales als auch physisches Leiden denkbar ist, wird es unzulässig, das Tier für Experimente zu verwenden. Zweifellos fallen alle Säugetiere unter diese Kategorie. Wir lernen aber heute auch schon mehr und mehr über das emotionale Erleben verschiedener Reptilien. Wie sie in Experimenten behandelt werden, ist deshalb zweifellos nicht angemessen.
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zet:Viele Menschen argumentieren, dass sich die Art der Schmerzempfindung bei Tieren und bei Menschen so stark unterscheidet, dass sie nicht mehr vergleichbar ist. In wieweit teilen Sie diese Meinung?
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Goodall: Das ist absoluter Unsinn und entbehrt jeder Logik. Wenn wir Tiere deshalb für Tierversuche verwenden, weil sie so sind wie wir, und es nicht täten, wenn sie nicht wären wie wir, dann kann man nicht plötzlich eine Grenze ziehen und sagen, dieser Teil des Gehirnes ist gleich wie bei uns, oder dieser Teil eines inneren Organs oder der Blutkreislauf ist wie bei uns, aber die Art und Weise, wie Schmerz empfunden wird, ist anders. Das ist nicht logisch. Diese Ausrede wurde über Jahre hindurch verwendet. Heute wird sie seltener gebraucht, aber immer noch höre ich sie.
Ich fragte eine Gruppe von Straßenkindern in Afrika, die dabei waren, Steine auf einen Hund zu werfen, ob sie auch schon einmal von einem Stein getroffen worden waren. Hat das weh getan, fragte ich. Ja. Was hat du dann getan? Ich schrie. Und was hat der Hund getan? Er schrie. Denkst du es hat ihm weh getan? Sie sagten: Ja.
Wir können nicht über die Qualität von Schmerz urteilen. Wir können nur über den Ausdruck von Schmerz urteilen – wie der Hund sich bewegt und wie er jault. |
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zet:Russel und Burch argumentieren, dass das Endziel des 3R Prinzips nach Reduzieren (Reduction) und Verfeinern (refinement) von Tierversuchen der Ersatz (replacement) der Tierversuche sei. Was wäre Ihr Hauptargument, um Tierexperimente zu beenden?
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Goodall:Wir teilen diesen einen Planeten mit einer Vielzahl an großartigen Tierarten. Nun beherrschen wir diese Welt, einfach weil wir dies können. Wir können Tieren antun, was sie uns nicht antun können, und wir rechtfertigen uns damit, dass sie keine Menschen sind.
Mein Hauptargument, warum wir Tiere nicht für Tierversuche verwenden sollten: Wir haben nicht das moralische Recht, mit anderen empfindsamen Wesen – im Besonderen fühlenden Wesen – zu machen was immer wir möchten, nur weil es uns möglicherweise helfen würde. Ich denke nicht, dass wir es so sehr wert sind, dass man uns hilft, ganz ehrlich. Wir sind nicht sehr nett. Tut mir leid, aber Schimpansen sind auch nicht viel netter.
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zet:Wie fühlen Sie sich, wenn Sie als Gast bei Podiums-Diskussionen zum Thema Tierversuche geladen sind?
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Goodall: Ich bin wieder konfrontiert mit der Tatsache, dass in vielen Labors Tiere auf grauenvolle Weise behandelt werden, die Experimentatoren uns aber überzeugen wollen, dass gerade ihre Tiere am besten behandelt werden. Natürlich glauben sie das wirklich, da sie ja mit sich selbst leben müssen. Aber es ist einfach eine Tatsache, dass in sehr sehr vielen Labors die Tiere schlecht behandelt werden. Die Dinge, die ich gesehen habe, machen mich krank, richtig krank. Man kennt Ähnliches auch aus Gefängnissen, aus Waisenhäusern. Wir haben anscheinend diesen bedenklichen Hang zum Sadismus.
Natürlich sind wir auch fähig zu Mitgefühl, zu Liebe, zu Altruismus. Wenn wir alle uns zum Besten der menschlichen Natur hinbewegen würden, was für eine großartige Welt würde das sein! Das ist der Grund, warum ich 300 Tage im Jahr unterwegs bin und mit dem Programm für junge Menschen „roots and shoots“ arbeite. „Roots and Shoots“ will zeigen, dass jeder und jede von uns jeden Tag etwas verändern kann, das Wesentliche ist der Respekt für anderes Leben, der Respekt für menschliches, tierliches und pflanzliches Leben. Die jungen Leute wählten drei Projekte, um die Welt für Tiere, auch Haustiere sind gemeint, für die Umwelt und für die Menschen zu einem besseren Ort zu machen.
Und so entwickelt sich allmählich eine neue Ethik in den jungen Menschen. Und ich bin überzeugt, dass Erlebnisse mit Tieren, besonders in der Kindheit, psychologisch für die Weiterentwicklung der Menschen, für das Entstehen von Mitgefühl, wichtig sind.
Tiere können uns helfen. Denken Sie daran, wie sehr ein Tier einer kranken Person helfen kann, um den Blutdruck zu senken oder den Herzschlag zu beruhigen. Wir haben dafür heute wissenschaftliche Beweise. Tiere sind auch eine große Hilfe für Gefangene, für alte Menschen; autistische Kinder beginnen in der gemeinsamen Therapie mit Tieren zu sprechen.
Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier kann eine enorm starke Kraft sein, die uns in eine wunderbare Zukunft führt. Es liegt an uns Erwachsenen, Kinder so zu erziehen, dass sie nicht grausam sein wollen, weder zu Tieren noch zu andern Menschen. |
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zet:Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Arbeit.
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