Schenkelbrand: Irrtümer und Wahrheiten

Ein Fohlen wird mit einem Brandzeichen versehen.
Ein Fohlen wird mit einem Brandzeichen versehen.

Seit Juli 2009 müssen in Deutschland alle Fohlen mit einem Iso-Transponder unverwechselbar gekennzeichnet werden. Der Schenkelbrand - ein Werbe- und Markenzeichen der Zuchtverbände - stellt eine nicht mehr zeitgemäße Kennzeichnungsart dar. Die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner hatte in ihrem Entwurf zur Novellierung des Tierschutzgesetzes reagiert und den Heißbrand verboten. Die Zuchtverbände und die ihnen verbundenen Politiker kämpften mit allen möglichen - und vor allem unmöglichen - Behauptungen dafür, den Schenkelbrand doch zu erhalten. Leider wurde das geplante Verbot im überarbeiteten Tierschutzgesetz, das im Juli 2013 in Kraft trat, wieder gestrichen.

Folgende "Irrtümer" wurden und werden noch immer verbreitet:

1. Das Brandzeichen ist eine unverwechselbare Kennzeichnungsmethode und fälschungssicher. IRRTUM!

Das Brandzeichen besteht aus einem Symbol des jeweiligen Zuchtverbandes - wie beispielsweise dem Hannoveraner-Zeichen. Darunter wird eine zwei- bis dreistellige Nummer in die Haut eingebrannt. Alle Nummern werden mehrmals vergeben und über die Hälfte kann nach ein paar Jahren nicht mehr gelesen werden. Außerdem ist es problemlos möglich, die Nummern zu verändern. Eine eindeutige Identifizierung ist daher anhand des Brandzeichens nicht möglich. Die Methode ist weder unverwechselbar noch fälschungssicher.

Zu dem gleichen Ergebnis kommt eine Studie von 2012 von Prof. Jörg und Christine Aurich und ihrem Team von der Universität Wien. Erfahrene Tester untersuchten sie Lesbarkeit von Brandzeichen und konnten diese nur bei 40 Prozent von knapp 250 untersuchten Pferden korrekt identifizieren. Auch ein weiterer Versuch bestätigte, dass der Heißbrand keine eindeutige und wiedererkennbare Kennzeichnungsmethode darstellt. Und das obwohl die Brandzeichen hierfür an 28 toten Pferden vorgenommen wurden, um die Lesbarkeit unter optimalen Bedingungen zu testen. Hier konnten nur bei neun Tieren die Nummern korrekt identifiziert werden. Bei sechs Pferden wurde weder das Rassesymbol noch die Nummer richtig erkannt. Auch nicht, nachdem die betreffende Hautstelle rasiert wurde.

2. Der Transponder ist keine unverwechselbare Kennzeichnungsmethode und nicht fälschungssicher. IRRTUM!

Bei der Kennzeichnung durch Mikrochip wird dem Pferd ein genormter Iso-Transponder mit einer Spritze in den Halsmuskel eingesetzt. Jeder Chip enthält einen 15-stelligen Code, welcher mit einem passenden Ablesegerät identifiziert werden kann. Dieser Code hat eine festgelegte Reihenfolge bestehend aus Tierart, Ländercode und einer individuellen Nummer, die nur einmal vergeben wird. Eine internationale Datenbank kann nur auf Grundlage eines standardisierten Verfahrens - wie es der Transponder möglich macht - aufgebaut werden. Einen Transponder, der in der Muskulatur sitzt, zu manipulieren, ist nicht unmöglich, aber um vieles schwieriger, als ein Brandzeichen zu verändern.

3. Die junge Methode der Transponder-Implantation birgt erhebliche Gesundheitsrisiken. Wertvolle Sportpferde dürfen nicht zwingend dem Risiko ausgesetzt werden, Schäden durch solche invasiven Methoden zu erleiden. IRRTUM!

Die Transponderkennzeichnung ist eine gut untersuchte und erprobte Kennzeichnungsmethode. Sie wird seit vielen Jahren bereits vor Einführung der rechtlichen Verpflichtung freiwillig verwendet.

So sind seit Einführung der Kennzeichnungspflicht über 150.000 Pferde mit einem Transponder gekennzeichnet worden. Der Hauptverband für Traberzucht und Rennen kennzeichnet seine wertvollen Vollblüter freiwillig bereits seit 1994. Das für den Galopprennsport in Deutschland zuständige Direktorium für Vollblutzucht und Rennen kennzeichnet die Galopprennpferde seit 2003. Vor dem Rennen wird die Transpondernummer zur Identifizierung abgelesen. Darüber hinaus chippen auch eine ganze Reihe von Warmblutverbänden seit Jahren freiwillig: z. B. das Pferdestammbuch Schleswig-Holstein, der Pferdezuchtverband Hessen, der Pferdezuchtverband Brandenburg-Anhalt und der Friesenpferdezuchtverband.

Auch Deutschlands und Europas größter und bekanntester Sportpferdezüchter und Mitbesitzer eines der teuersten Dressurpferde der Welt namens Totilas chippt alle seine Sportpferde mit einem Transponder.

4. Der Heißbrand tut nicht weh. Der Transponder ist gefährlich: Wissenschaftliche Gutachten liegen vor. IRRTUM!

Eine Zusammenfassung der bestehenden wissenschaftlichen Arbeiten nimmt Prof. Urs Schatzmann vor. Das gleiche machte bereits im Jahr 2010 Dr. Willa Bohnet. Ihre Position ist in einem Gutachten der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) nachzulesen. Die neuesten wissenschaftlichen Arbeiten aus der Universität Wien zeigen, dass der Kurzzeitschmerz beim Verbrennen (Schenkelbrand) und beim Setzen des Transponders ähnlich ist. Jedoch sind die Schmerzen und Schäden, die beim Schenkelbrand in den Tagen darauf folgen, größer als die durch den Transponder. Insbesondere wurde eine Erhöhung der Hautoberflächentemperatur beim Fohlen in mehreren Arbeiten nachgewiesen. Diese Temperaturerhöhung tritt ausschließlich beim Schenkelbrand auf (ebenso wie Nekrosen, also das Absterben von Zellpartien). Die Autoren weisen darauf hin, dass dieses Phänomen auch in der Humanmedizin bekannt ist und bei schwerer Verbrennung auftritt.

Die zweite Arbeit, die von den Brandzeichenbefürwortern in Feld geführt wird, ist eine Arbeit des Humanhistologen Prof. Steinkraus. Er untersuchte die Hautproben von toten Pferden, die im Fohlenalter gebrannt oder gechippt wurden. Die Pferde waren zwischen 0,5 und 15 Jahren alt. Steinkraus stellte fest, dass bei dem Transponder tragenden Gewebe eine einmantelnde Fibrosierung (Abkapselung des Fremdkörpers) stattfand. Auch aufgrund evolutionsbiologischer Fakten sieht er den Heißbrand dem Transponder als überlegen an.

Das letzte Argument - der evolutionsbiologischen Fakten - ist in Fachkreisen nicht nachvollziehbar. Ein Pferd kommt weder mit einem Sattel, noch mit einer Trense, einem Hufeisen, Transponder oder einem Brandzeichen auf die Welt. Welche Rolle hier die Evolution spielen soll, ist in diesem Zusammenhang nicht verständlich. Die Fibrosierung ist bekannt und wird bewusst durch das Setzen des Transponders herbeigeführt. Dies wurde bereits im Jahr 2000 von Heinz Meyer, der im Auftrag der Reiterlichen Vereinigung (FN) ein Gutachten zum Transponder erstellte - mit positiver Wertung beschrieben. Er sah es aber nicht als Problem an, da diese Fakten auch bereits im Jahr 2000 bekannt waren. Auf den gleichen Mechanismen beruht auch die Transponder-Implantation bei Hund und Katze.

Abschließend sollte nicht vergessen werden, dass das Brandzeichen - das für uns sichtbar ist - eine Narbe darstellt. Dieses Narbengewebe ist durch eine Verbrennung entstanden. Ohne Narbe entsteht auch kein Brandzeichen. Um dem Tier eine Narbe zuzufügen, wird eine handtellergroße Partie am Oberschenkel des Fohlens bewusst und absichtlich verbrannt. Prof. Jörg und Christine Aurich von der Universität Wien untersuchten für ihre Studie von 2012 an 28 toten Pferden die Haut unter dem Brandzeichen auf Gewebsschäden. Fast alle Tiere wiesen dort deutliche Gewebsschäden auf, die auf abgeheilte Verbrennungen dritten Grades hinwiesen. Fazit: Es gibt keinen Grund mehr, Pferde mit dieser überholten Methode zu kennzeichnen.