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Zurück ins Mittelalter: Wissenschaftlich legitimierte MassentötungErschienen in: du und das tier 6/2004
Wiesenvögeln geht es schlecht. Die aktuellen Bestandsrückgänge so bekannter Arten wie Rotschenkel, Kiebitz, Bekassine, Kampfläufer, Brachvogel und Uferschnepfe im Grünland dominierten Niedersachsen sind alarmierend.
Der wesentliche Grund für diese Entwicklung wird vom Niedersächsischen Landesamt für Ökologie in einem aktuellen Bericht genannt: Die flächenhafte und überregionale Veränderung des Landschaftswasserhaushaltes.
Mit anderen Worten: die flächendeckende Entwässerung der Landschaft, bspw. das Trockenlegen von Moorgebieten und Kleingewässern, die Begradigung von Fließgewässern und die Zerstörung anderer lebensnotwendiger Feuchtgebiete sind die Ursache für den Rückgang der Vögel. Nutznießer und Triebfeder dieser Trockenlegung ist eindeutig die Landwirtschaft, die die bisher unzugänglichen „freien“ Flächen heute bewirtschaften kann.
Den Wiesenvögeln muss geholfen werden, denkt sich auch die Jägerschaft in Niedersachsen. Allerdings hat sie einen anderen Übeltäter ausfindig gemacht: Die Rabenvögel. Nach Ansicht der Jäger sind es die Rabenvögel, die den Wiesenvögeln das Überleben schwer machen und die daher radikal bekämpft werden müssen.
Zwar ernähren sich Rabenvögel unter anderem auch von Gelegen und Küken– gemessen am Anteil der natürlichen Gesamtverluste ist ihr Einfluss auf die Population der Wiesenvögel jedoch von völlig untergeordneter Bedeutung.
Doch unberührt von diesen Tatsachen stellt sich die Jägerschaft die Frage: Wie kann es gelingen, Rabenvögel möglichst schnell zu dezimieren? Aufgrund der sprichwörtlichen Gelehrigkeit der Tiere ist das bloße Abschießen der Vögel sehr zeitaufwändig und wenig effektiv. Also wurde auf ein altes bequemes Tötungsmittel zurückgegriffen: die Krähenmassenfalle. In diese einfach gebaute ca. 2 Meter hohe Holzkonstruktion können Vögel hinein fliegen. Sie finden aber nicht mehr heraus.
Der Einsatz von Krähenmassenfallen ist der EU-Vogelschutzrichtlinie zufolge grundsätzlich verboten, da sie nicht selektiv fängt. In diese Falle können auch andere Vogelarten hinein geraten.
Einen Ausweg war jedoch schnell gefunden. Der Vorsitzender der Jägerschaft Niedersachsen, Prof. Dr. Dr. habil. Klaus Pohlmeyer, leitet an der Tierärztlichen Hochschule Hannover das Institut für Wildtierforschung (IWFo).
Zusammen mit der Jägerschaft will das Institut nun den Einsatz von Krähenmassenfallen „wissenschaftlich“ untersuchen. Damit kommt es in den Genuss einer Ausnahmegenehmigung von den Vorschriften der EU-Vogelschutzrichtlinie.
In mehr als 200 Revieren des Landkreises Leer wurden flächendeckend Krähenfallen aufgestellt. Die Untersuchung hat im Januar 2004 begonnen und soll drei Jahre andauern. Mehr als 2.000 Rabenkrähen und Elstern haben die Jäger in den Fallen zwischenzeitlich bereits erschlagen.
Für den Deutschen Tierschutzbund ist diese Massentötung ein ausgemachter Skandal. Ein vernünftiger Grund für die Tötung der Tiere liegt nicht vor. Auch aus wissenschaftlichen Gründen ist das Projekt massiv zu kritisieren. Denn der IWFo geht es in der Untersuchung nicht primär darum, ob geringere Rabenvogelstände auch zu mehr Wiesenvogelschutz führen – dazu sind die Tierbestandserhebungen zu lückenhaft und der Untersuchungszeitraum auch zu kurz- sondern ob mit dieser Methode auf großer Fläche Rabenvögel ausgemerzt werden können. Mit anderen Worten: Es wird vorrangig untersucht, welche Tötungseffizienz eine grundsätzlich EU-weit verbotene, völlig tierschutzwidrige Vogelfalle hat.
Der Präsident des Deutsche Tierschutzbundes Wolfgang Apel hatte Landwirtschaftsminister Ehlen schriftlich aufgefordert, das Projekt umgehend einzustellen, da es „ein Schlag ins Gesicht aller Tierfreunde und nicht zu verantworten ist“. Auch Bundesumweltminister Trittin hatte schriftlich die Beendigung der Untersuchung gefordert, da sie „unnötig und wissenschaftlich zweifelhaft“ sei.
Ungeachtet der massiven Proteste hat das niedersächsische Landwirtschaftsministerium die „Forschung“ jedoch genehmigt. Ein Umdenken von ministerieller Seite ist trotz der Gespräche, die der Deutsche Tierschutzbund sowohl mit dem zuständigen Staatsekretär als auch mit Referatsleitern des Umwelt- und Jagdministeriums geführt hat, nicht erkennbar.
Der Deutsche Tierschutzbund bereitet daher eine Klage beim Umweltkommissar der EU-Kommission gegen diese Massentötungen vor.
Torsten Schmidt
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